Tag 19 – Es ist anstrengend

Es ist anstrengend. Glücklicherweise aber nicht mehr das abstinent sein, sondern mein Studium. Ich habe ein Intensivwochenende im Südtirol hinter mir. Ich habe mir ein Tapetenwechsel gegönnt, weil ich praktisch nur noch zu Hause sitze. Eine wunderschöne Gegend. Sie hat mich nachdenklich gestimmt. Da letzte Mal als ich hier war, konnte ich den Urlaub nicht richtig geniessen. Ich habe ohnehin das Gefühl es sei Jahre her seit ich das letzte Mal wirklich erholsamen Urlaub hatte. Wochen davor, meistens in einer Abstinenzphase stellte ich mir vor, dass der nächste Urlaub besonders speziell wird weil ich dann x Wochen spielfrei sein werde. Nie hatte ich es durchgehalten. Der nächste Urlaub ist in 14 Wochen geplant. Dann wäre ich 4 Monate spielfrei. Eine recht lange Zeit. Genügend lange um mit einem gewissen Abstand zurück zu schauen. Ich freue mich darauf. Dieses Mal klappt es!

Reschen

Hast Du gewonnen?

Ich bin vorhin an einem der Kioske vorbeigelaufen, der bei den letzten beiden Rückfällen einen Teil der Scheine herausgegeben hat. Insbesondere junge, männliche Mitarbeiter fragen auch gerne einmal nach, weshalb man auf dieses oder jenes tippt. Ich denk mir dann nur immer: Junge, lass es bleiben! Die Damen schauen immer nur sehr verdutzt über die überissenen Beträge. In meinen Augen denken sie alle: Mein Gott, der hat doch ein ernsthaftes Problem. Ja, hat er! Er ist die Dialoge mit Euch in seinem Kopf auch schon mehrfach durchgegangen. Nie hat mich jemand angesprochen. Natürlich nicht. Ich bin König Kunde. Aber wenn, dann hätte ich euch meine Lüge von der Spielgemeinschaft vorgegaukelt. Natürlich spiele ich nicht alleine so einen hohen Betrag! Wo kämen wir da hin?

Ich wurde auch schon gefragt, ob ich denn gewonnen hätte. Diesen Dialog spiele ich deshalb momentan gerne in meinem Kopf durch:

Kiosk-MA: Sie waren doch gestern schon hier?

Ich: Ja, aber heute hätte ich gerne einfach einen Milchkaffee.

Kiosk-MA: Sie haben ja einen irre grossen Betrag gespielt. Darf ich Sie fragen: Haben Sie gewonnen?

Ich: Ja, das habe ich. Ich habe mein Leben zurückgewonnen.

Quo vadis?

Weiter geht es mit der Weiterführung einer Serie von schlimmen Rückfällen. Gestern habe ich den nächsten Mittelfinger der Moira kassiert.

Wer die Moira nicht kennt, dem sei erklärt, dass sie den Schicksalsfaden spinnt. Glücksspielsüchtige erliegen dem Glauben sie können das Glück erzwingen. Selbstverständlich haben wir aber keinen Einfluss auf unser Schicksal. Mir kommt es manchmal so vor, als würde ich etwas krampfhaft erzwingen wollen, was einfach nicht sein soll.

Obwohl ich weiss und schon immer wusste, dass mein Weg ein anderer ist, weigere ich mich noch immer ihn zu gehen. Erklären weshalb, kann ich nicht. Ich habe trotz aller Therapie noch immer nicht verstanden, was das soll. Stelle ich mir einfach die falschen Fragen?

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle: Wo stehe ich? Stehe ich immer noch am Anfang meiner Sucht (kaum zu glauben bei einer fast 20-jährigen Karriere), stehe ich irgendwo in der Mitte oder kurz vor Ende? Ich weiss, dass ich immer Ex-Spieler sein werde und dieses Thema mich fortan begleiten wird. Das finde ich nicht einmal schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass mir diese Erfahrungen irgendwann sogar einen Nutzen bringen werden. Das ich es aber aktuell nicht schaffe einige Wochen abstinent zu sein, ist niederschmetternd.

Einige Massnahmen diese Woche lassen einen Funken Hoffnung zu. Aufgrund einer Dokumentation über die NA, die Narcotic Anonymous, welche mit den Anonymen Alkoholikern vergleichbar sind, habe ich gesehen, dass die Aufschieberei von schützenden Massnahmen ein Problem darstellen. Ein Betroffener hat erklärt, dass er früher immer vom „ich werde dann“ gesprochen habe und es jetzt einfach immer sofort gleich umsetzt. Das leuchtete mir ein und trifft auch auf mich zu. Ich habe sofort meine Vollmacht auf dem Geschäftskonto gelöscht, mein Restguthaben auf der Prepaid-Karte wegüberwiesen und treffe mich Morgen mit einer Mitarbeiterin der lokalen Sozialhilfe, damit mir eine „freiwillige Einkommensverwaltung“ eingerichtet werden kann.

Es wäre wieder passiert

Langeweile während einer obligatorischen externen Veranstaltung. Recherche auf dem Smartphone nach laufenden Sportveranstaltungen. Dabei auf ein Tennisspiel gestossen, bei dem der Aussenseiter Chancen haben könnte und schon beginnt der Rausch in meinem Gehirn. Gut, greifen die Massnahmen nicht zu Geld zu kommen. So kann sich mein Puls wieder normalisieren und die Vernunft kann wieder einsetzen. Da bin ich nochmals davongekommen.

Nachtrag (später während des Spiels): Ich verfolge das Spiel, als hätte ich darauf gesetzt. Dieses Mal würde ich mir wünschen, ich wäre einmal mehr komplett daneben gelegen. Aber siehe da. Dieses eine Mal hätte ich grosses Glück gehabt. Wobei? Kann man bei einem erneuten Rückfall von Glück sprechen? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall ärgere ich mich massiv. Es ist der maximale Mittelfinger des Schicksals. Fast noch schlimmer als hätte ich das Geld verloren. Fazit: ich bin sehr, sehr krank

Was könnte mir helfen?

Hätte ich Publikum würde ich Euch fragen, ob Ihre einen Schimmer habt, was mir in der jetzigen Situation helfen könnte. Vielleicht kämen da einige Vorschläge. Eigentlich sollte ich selber ja am besten Wissen. Ich spüre eine Lücke, aber meine Sucht überlappt diese. Sie füllt sie nicht aus, aber sie gaukelt mir vor, die Lösung zu sein. Je weiter ich sie wegstosse, je lauter wird sie. Sie ist nicht die Lösung und auch nicht das eigentliche Problem. Sie ist ein Symptom, dass mich auf einen Mangel hinweisen möchte. Ursprünglich als es noch ein Hobby war, hat sie mich tatsächlich unterhalten und mir etwas gegeben. Da war es aber auch noch keine Sucht und ich hätte vielleicht tatsächlich einfach wieder damit aufgehört, wenn ich mich um den wirklichen Mangel gekümmert hätte.

Es ist kompliziert. Man spürt, es stimmt etwas nicht. Man sieht die Folgen und spürt die massiven Auswirkungen davon, aber auch nach Jahren weiss man nicht was einem fehlt.

Kämpfen

In den letzten zwei Wochen war ich im Urlaub, aber trotz grosser Hoffnung und Vorfreude hat mich meine Sucht nach Italien begleitet. Plötzlich konfrontiert mit sehr viel Freizeit, war ich erst einmal überfordert. Etwa am dritten Tag wusste ich gar nicht mehr wo mir der Kopf steht. Ich habe gespürt: So kann es nicht weitergehen. Es muss sich etwas ändern. Noch immer drehen sich die Gedanken viel zu sehr um Sport und mögliche Wetteinsätze. Wie erholsam doch Corona war. Kein Sport = keine Wetten. Jetzt ist wieder alles voll mit Neuigkeiten zum US Open und ständig lockt das Spiel. Es fühlt sich wie ein Kampf an und ich muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass ich nicht gegen etwas im Aussen kämpfe, sondern gegen die eigenen Dämonen.