Greif nach den Sternen

Dritter Tag Abstinenz. Jedes aufkommende Gefühl von Druck zu spielen, fluche ich weg. Ich bin streng mit mir. Gleichzeitig beobachte ich die Gefühle und staune, wie sie aus dem Nichts entstehen können und sofort kaum beherrschbar wirken. Es benötigt schon sehr viel Konzentration.

Bisheriger Höhepunkt: Durchblättern einer Zeitung mit kurzem Bericht über die Champions League. Darüber hatte ich in Foren schon viel gelesen. Manchester City spielt gegen Real Madrid… und schon bin ich auf 180. Was hilft mir nicht schwach zu werden? Einerseits der letzte, hohe Verlust. Anderseits will ich mich nach 30 Tagen für die Abstinenz belohnen. Sich zu vergegenwärtigen, dass es auch nach diesem potentiellen ersten Gewinn weitergehen würde bis zum erneuten Verlust und die langfristigen Schäden, die ich an meinem Konto, meinem Körper und vor allem meinem Selbstwert anrichte.

Surebet

Eine Surebet ist eine Kombination aus verschiedenen Wetten auf dasselbe Ereignis und sie ist so konstruiert, dass man immer gewinnt, egal wie das Ereignis ausgeht. Das ist nur dann möglich, wenn die Buchmacher ein Spiel verschieden quotieren.

Die wahre Surebet ist aber diejenige, dass man mit Sportwetten Geld verliert. Ganz viel Geld, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat.

Kontrollos, so habe ich mich in den letzten Wochen gefühlt. Es ist wie eine Trance, wie ein Rausch, der nie endet. Jeden Tag steht man wieder auf und widmet seine ersten Gedanken dem Spiel. Man lässt den gestrigen Spieltag Revue passieren, verfolgt Foren, sucht die „Surebet“. Wenn es „gut“ läuft, wird so aus anfänglich CHF 50 über die Tage und Wochen auch mal CHF 1’000. Ab einer Betragshöhe an Gewinn erinnert man sich an vergangene Situationen, die ähnlich waren und bei dem man das Geld nie „in Sicherheit“ gebracht hat und manchmal in wenigen Tagen alles wieder weg war. Aber man reagiert nicht. Man ist gierig und fühlt sich (und jetzt muss ich ein bisschen lachen) in Sicherheit.

Auch dieses Mal war es so. Auch dieses Mal ging mehr auf als schief ging und wenn mal eine daneben lag, setzte ich einfach mehr und es ging wieder weiter. Irgendwann aber reisst diese Glückssträhne und man landet wieder bei Null.

Das Hirn ist aber alles andere als satt. Es schüttet Adrenalin aus, es peitscht einem vorwärts. MEHR, ICH WILL MEHR! HÖR JETZT BLOSS NICHT AUF!

So spielt man weiter. Überlegt sich wie man an Geld kommt, obwohl man in abstinenten Phasen alles Erdenkliche vorkgekehrt hat um genau in solchen Situationen kein Zugang dazu zu haben. Man findet einen Weg. IMMER!

Gestern Abend dann die „alles oder nichts“-Wette, die bei der man einen sehr hohen Betrag auf ein Ereignis setzt und entweder es geht auf und man ist im wahrsten Sinne des Wortes wieder im Spiel oder es geht schief und man hat so viel verloren, dass man auf den Boden klatscht. Man wird so hart getroffen, dass man aus der Trance erwacht und die Gefühle sind irgendwie unbeschreiblich. Scham? Ein bisschen. Wut? Jede Menge. Trauer? Keinen Zugang und selbst wenn, was soll denn genau traurig sein? Der Geldverlust? Nö.

Es kommt einem vor, als wäre man von der Sucht verschlungen worden. Sie hat wochenlang auf Dir herumgekaut und jetzt hat sie Dich wieder ausgespuckt. So liegst Du da, weisst nicht wirklich wie Dir geschehen ist und fragst Dich: War das jetzt endlich das letzte Mal?