Die Lizenz zum Selbsthass

Heute ist der Tag Null, also der Tag an dem der Glücksspielsüchtige beschliesst nie mehr zu wetten aber noch nicht mit Zählen beginnen kann, weil sein letzter Rückfall nur wenige Minuten oder Stunden zurückliegt.

Man könnte meinen, dass diesem Ritual, immer wieder mit Zählen zu beginnen, keinen Sinn zufällt aber bei mir ist es nur schon wieder ein Prozess gewesen die Abstinenz zu beschliessen. Man braucht dafür ein Funken Hoffnung, den Beschluss nur noch nach vorne schauen zu wollen und nicht mehr (auf die Verluste) zurück und jede Menge Willen.

Leider will ich diesen Beschluss mit niemandem aus meiner Therapeutin teilen. Es weiss auch sonst niemand wie es mir geht. Ich lecke meine Wunden und weiss dass mir wieder harte (Entzugs-)Tage bevorstehen. Den Vorsatz, das neue Jahr damit nicht zu belasten ist mir nicht geglückt. Das neue Ziel vor 40 damit abzuschliessen, liegt mir zu weit weg. So habe ich ein neues Ziel gesucht und mit der heutigen Anmeldung zum Master des Psychologiestudiums gefunden. Daran soll ich mich im Nachhinein immer wieder erinnern. In meinem Tagebuch soll ich meinen allerletzten verfluchten Wettschein sehen können und das werde ich, so Gott und vor allem ich wirklich will.

Ja, ich habe Hoffnung. Ich bin so weit unten wie ich sein muss um diese Selbstzestörung zu spüren und sie zu hassen. Mindestens so sehr wie ich mich jeweils hasse, wenn ich wieder schwach wurde. Mit im Gepäck habe ich ein Buch das mir Selbstmitgefühl beibringen will. Darin vermuten wir die Wurzel der gesamten Sucht. Eigentlich simpel: ein abgrundtiefer Selbsthass, der immer wieder neue Nahrung sucht und in den Rückfällen findet. Da die Verlustmöglichkeit ja deutlich über 50% liegt, dauert es jeweils nicht lange. Auch kann man sich sicher sein, dass es irgendwann zum Totalverlust kommt, wenn man wie ich immer wieder alles setzt und nie aufhört. Eine Lizenz zum Selbsthass sozusagen.