Es wird immer nur noch schwieriger

Heute geht es mir schlecht. Wirklich schlecht. Der Suchtdruck ist massiv. Ich bemitleide mich und gleichzeitig ärgere ich mich darüber, dass ich es überhaupt so weit habe kommen lassen.

Eigentlich ist es mir klar, dass es über die Jahre immer schwieriger geworden ist überhaupt aufzuhören. Wie eine abstinente Phase dem Gehirn hilft sich zu erholen ist die andauernde Glücksspielsucht auch schädlich, wenn ihr derart lange gefröhnt wird. Ich bin mir bewusst, dass es es eigentlich müssig ist sich das zu überlegen. Es ist ja noch immer nicht zu spät und doch glaube ich dass gewisse Sachen irreversibel sind und dass ich mir das Leben sehr, sehr schwierig gemacht habe. Das bedaure ich zutiefst. Ich hätte nie gedacht, dass es einmal derart ein Kampf werden könnte abstinent zu bleiben. Früher ist es mir viel einfacher gefallen und ich bin davon ausgegangen, dass das so bleibt und es über die Zeit schon irgendwann wirklich nachhaltig funktioniert.

Nachdem ich vor etwas mehr als einem Monat im Ausland einen grossen Betrag verspielt habe, habe ich meine Zeit mehr oder minder damit verbracht diesen Verlust wieder auszumerzen. Vor einigen Tagen war es dann tatsächlich so weit. Trotz der geringen Wahrscheinlichkeit hatte ich derart viel Glück, dass ich ohne Verlust aussteigen hätte können. Hätte, hätte, Fahradkette. In Wirklichkeit hat es mir der x-tausendste neue Onlineanbieter (Campobet) schwierig gemacht das Geld zu beziehen. Zuerst haben sie den Verifikationsprozess meiner Identität gewohnt langsam vorangetrieben und dann haben sie die Spitze der Perfidität erfunden. Auszahlungen sind nur in Maximaltranchen von CHF 500 möglich. Auch diese sind wiederum einige Tage stornierbar. Das ist eine Masche um die Spieler im Hamsterrad zu behalten so dass sie schlussendlich den erzielten Gewinn wieder setzen und verlieren.

So ist es gekommen, wie es kommen musste. Da abstinent sein und virtuelles Geld auf einem Spielkonto sich nicht vertragen, habe ich weitergespielt. Zuerst habe ich 220 verspielt. In einem solchen Moment kommt immer der Gedanke auf: Pass auf! Das ist jetzt definitiv die letzte Möglichkeit aufzuhören, weil das Geld wieder reinholen führt meistens nur zu höheren Verlusten. 440 weg, 880 weg, 1’235 weg und dann noch mit 475 nachgeladen – weg. Die 475 waren die erste Auszahlung, die es schon auf mein Konto geschafft hatte aber leider noch nicht weiter. Das ist jetzt zwei Tage her und noch immer fühle ich mich schlecht deswegen und bringe es nicht aus meinem Kopf. In solchen Momenten bin ich besonders froh, keinen Zugang zu meinem Konto zu haben. Ich weiss, ich würde es plündern.

Ich will mir nicht vorstellen, was man denkt wenn man das liest. Ja, das Geld zerinnt einem zwischen den Fingern wie Sand. Ja, ich kann es selber nicht glauben. Deshalb schreibe ich es nieder, in der Hoffnung dass mir klar wird was soeben wieder geschehen wird. Das einzig Positive an der Situation ist jeweils, dass mit dem Verlust die Wahrscheinlichkeit der Abstinenz wieder gestiegen ist. Aus der Gruppentherapie weiss ich, dass es nach einem Gewinn eigentlich unmöglich ist für einen Glücksspieler aufzuhören. Ein grosser Verlust eignet sich da wesentlich besser.

Glaube ich daran? Ehrlich? Nein.

Seit etwa drei Wochen nehme ich ein Antidepressiva namens Wellbutrin ein. Es sollte mein Suchtdruck dämpfen und vermutlich meine Stimmung erhöhen. Ich fühle mich nicht depressiv, dachte aber dennoch dass ich in irgendeiner Form etwas bemerke. Bis jetzt aber absolute Fehlanzeige. Ich fühle mich schlechter denn je, der Suchtdruck ist höher denn je und ich bin verzweifleter denn je.

Alle Massnahmen die ich mir überlege, die mich vom Spiel fernhalten könnten, würden dazu führen, dass ich mein Umfeld noch besser aufklären muss. In meinem Kopf spiele ich die Gespräche ab, die sich alle darum drehen dass ich sie erneut getäuscht habe. Getäuscht darüber, dass ich Abstinenz vorspiele und in Wirklichkeit Haus und Hof verspiele. Auch meine Therapeutin führe ich an der Nase herum um in einem besseren Licht zu stehen als ich es eigentlich verdiene. Diese Unehrlichkeit ist mir zutiefst zuwider. Ich bin mir zutiefst zuwider. Mein Selbstbild wird genährt. Ich bin schlecht, ich verhalte mich schlecht und ich verdiene es nicht besser.

Soll ich meinen Vorgesetzten einweihen? Würde das helfen abstinent zu bleiben? Würde er mich entlassen? Würde er die Transaktionen auf dem Geschäftskonto überprüfen und erschrecken? Ich habe nach wie vor niemanden um einen einzigen Franken geprellt. Es war alles mein Geld und deshalb fühle ich mich noch einigermassen wohl in meiner Seele. So wohl wie man sich noch fühlen kann in einer derart verfahrenen Situation. Betrogen habe ich sie ja irgendwie trotzdem. Ich lasse sie im Unwissen wie es mir wirklich geht. Ich spiele mit Ihren Gefühlen und fühle mich schlecht dabei. Einziger Ausweg sich nicht so schlecht fühlen zu müssen, ist dann vermutlich wieder der nächste Rückfall, der ja sowieso um die Ecke lauert und nur wartet bis er mir wieder seine Versprechen ins Ohr hauchen kann.

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