Hilfe zur Selbsthilfe – was funktioniert, was nicht?

Es ist als wäre ich zweigeteilt. Es fühlt sich an, als würden zwei Personen um die Herrschaft in meinem Kopf streiten. In Zeiten, in der der Wille abstinent zu bleiben hoch ist, bin ich immer besonders erfinderisch mir selber einen Strich durch die Rechnung zu machen und einen möglichen Rückfall zu verhindern. Sobald die Scham des letzten Rückfalls abnimmt und auch das schlechte Gefühl nicht mehr spürbar ist, steigt der Suchtdruck wieder. Dann nimmt der Spieler das Heft in die Hand und lacht sich ins Fäustchen. „Wäre ja gelacht, wenn die findigen Ideen mir die Möglichkeiten an Geld zu kommen zu verunmöglichen tatsächlich greifen würden.“ So findet und fand der Spieler immer einen Weg. Er macht sich sogar ein Spiel daraus und ist damit bereits in seinem Element.

Es ist Zeit einmal Bilanz zu ziehen über Massnahmen, die ich bereits veranlasst habe um mich selber zu schützen:

  • ein Teil meines Geld ist in einer speziellen Anlage, die nur mit hohen Strafgebühren bezogen werden kann. Fazit: funktioniert! Dieses Geld vergesse ich bisweilen, auch wenn das Konto auf meinen Namen läuft, würde es mich reuen diese hohen Strafgebühren zu bezahlen. Da kommt der Teil meines Charakters zum Zuge der eigentlich sehr sparsam ist und für solche Sachen gar nicht gerne Geld ausgibt, schon gar nicht an Banken.
  • mein Privatkonto läuft auf meine Parnerin. Fazit: funktioniert seit Kurzem! Es funktioniert seit sie das Passwort geändert hat und ich mich nicht mehr einloggen kann. Zunächst, als sie das Ausmass meiner Sucht noch unterschätzt hatte und ich die Mechanismen eines Rückfalls noch zu wenig erklärt hatte, hatte ich immer wieder Zugriff auf das E-Banking, was vergleichbar ist als würde man dem Süchtigen seine Droge ein paar Meter weiter weg hinlegen. Es betraf ja „nur“ mein Geld und solange es nur mich schädigt, ist das kein Hindernis.
  • Das Medikament Wellbutrin mit dem Wirkstoff Buprion. Fazit: funktioniert (noch) nicht. Vor einigen Wochen war ich bereit etwas auszuprobieren, was auch schon länger auf diese Liste gehört. Eine Medikation, die mir helfen soll weniger Suchtdruck zu verspüren und vermutlich auch direkt in die Abläufe meines Gehirns eingreift. Davon spüre ich leider im Moment noch herzlich wenig.
  • Onlinesperre durch den Staat bei den ausländischen Anbietern. Fazit: Funktioniert nicht. Obwohl seit dem 1. Juli 2019 das Onlineglücksspiel nur noch durch Swisslos angeboten werden dürfte, haben sich nur Wenige zurückgezogen. Es war vor einigen Wochen kein Problem mich bei mehreren Anbietern neu zu registrieren. Die stellen sich auf den Standpunkt, dass es nicht illegal sei. Das man Gefahr läuft das Geld nicht mehr zurück zu erhalten, ist einem als Spieler in dieser Phase der Sucht so ziemlich egal.
  • App-Sperre bei Swisslos. Fazit: funktioniert einwandfrei. Wunderbare Lösung für diesen Anbieter.
  • VETO-Sperre: Fazit: funktioniert sicher, tangiert mich aber nicht. Swisslos hat mich mit der Onlinesperre auch gleich in allen Casinos der Schweiz gesperrt. Das kümmert mich herzlich wenig, aber es schadet sicher nicht.
  • Vereinbarung mit Swisslos für Gewinne über CHF 1’000. Fazit: funktioniert wenn man sie unterzeichnet. Seit Monaten lag bei mir die Vereinbarung von Swisslos, mit der man Auszahlungen über CHF 1’000 verhindern kann. Man hat mir das als weitere Massnahme vorgschlagen, wenn ich auf die Idee käme an Kiosken Swisslos zu spielen (was ich auch gerne eine zeitlang gemacht habe). Für Auszahlungen bis zu diesem Betrag, welche durch den Kiosk selber erfolgt, haben sie keine Handhabe. Aus einer Gruppensitzung weiss ich aber, dass das auch nicht wirklich hilft. Einer der Teilnehmer hat erklärt, dass er seine Wetten einfach mehrfach gesplittet habe und an verschiedene Kioske im Umfeld verteilt hat.
  • Blockiersoftware. Fazit: Funktioniert (sofern man sie wirklich konsequent auf jedem Gerät installiert hat mit dem man im Alltag in Berührung kommt). Zuerst habe ich mit Gamblock rumexperimentiert. Diese Software hat mich viele Nerven gekostet. Sie ist überaktiv und war nicht auf jedem Gerät installierbar. Manchmal hat sie den PC einfach neugestartet. Das ist vor allem im beruflichen Kontext sehr mühsam. Auch die Kosten sind erheblich, da sie pro Gerät entrichtet werden. Seit einigen Monaten habe ich Gamban installiert. Wunderbare Sache. Seit etwa einer Woche haben sie es sogar hingekriegt, dass man es von seinem Android-Handy nicht mehr wegkriegt. Ein echter Schutz also, wenn man sich die Mühe macht und ihn wirklich konsequent anwendet. Bis heute Morgen hatte ich noch zwei Geräte in Gebrauch auf denen ich das bewusst nicht installiert habe um mir das berühmte Türchen offen zu halten. Türchen 1 habe ich jetzt geschlossen, morgen im Büro folgt das Zweite.
  • Keine Kreditkarten, Debitkarten etc. und dafür Taschengeld. Fazit: funktioniert in Phasen der Abstinenz. Meine CHF 200 Taschengeld hatte ich praktisch regelmässig schon Mitte der Woche aufgebraucht. Das ist also eher etwas für das kontrollierte Spielen und gibt einem das Gefühl für Geld wieder zurück, welches man als pathologischer Spieler schon längstens verloren hat indem man das Geld ja nicht wirklich mit den Händen ausgibt, sondern meist virtuell über Kreditkarten oder ähnliches.
  • Das Umfeld einweihen. Fazit: hilft bei Personen, die sich Geld leihen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir irgendjemand aus meinem Umfeld, der Bescheid weiss nur einen Franken leihen würde. Das hilft mir sicher indirekt es gar nie zu versuchen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Last, weil die Reaktionen meist nicht sehr verständnisvoll sind. Das verstehe ich, weil ich mein Handeln ja selber jeweils kaum verstehe und man sich wirklich vertieft damit auseinandersetzen muss um nur ansatzweise die Mechanismen zu verstehen. Ansonsten sind die Nachfrage nach „und wie läuft es mit dem Glücksspiel und dem abstinent sein“ zwar sicher gut gemeint, aber eigentlich nicht zielführend. Entweder habe ich eine abstinente Phase und rede voller Stolz selber davon oder man riskiert eine unehrliche Antwort zu erhalten, weil man die Wahrheit als Spieler selber nicht erträgt
  • Smartphone gegen Tastentelefon eintauschen. Fazit: würde wohl funktionieren, ist aber eine ziemlich drastische Massnahme. Vor einigen Wochen hatte ich die Idee mein Smartphone gegen ein Tastentelefon einzutauschen. Der erste Versuch mit einem Tastentelefon hat sich schnell als unpraktikabel herausgestellt, weil nicht einmal Whatsapp installiert werden konnte. In der heutigen Zeit wäre es komisch und würde Nachfragen provozieren wenn man keine Messages empfangen könnte. Diese Nachfragen wollte ich vermeiden und habe mir ein zweites gekauft. Dieses habe ich bisher einen Tag eingesetzt. Die SIM-Kartenwechslerei nervte und ich hatte mich im ÖV und auch im Alltag komisch gefühlt. Ich gebe aber zu, dass der Hauptgrund wohl darin lag, dass mein Wille abstinent zu sein, gar nicht wirklich vorhanden war. Dann ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Dieser Versuch ist noch nicht abgeschlossen.
  • Belohnung für abstinente Phasen planen. Fazit: hat noch nicht funktioniert. Meine Hauptbelohnung nach einem Jahr Abstinenz ein Tattoo mit dem Motiv „Phönix aus der Asche“ stechen zu lassen, ist zwar sehr motivierend aber liegt zu weit weg. Meine längste Phase der Abstinenz in den letzten Jahren betrug gerade einmal etwa 120 Tage. Da hatte der Phönix noch nicht einmal seine Flügel gespreizt.
  • Gruppentherapie. Fazit: funktioniert. Ich kann mich an meinen ersten Tag in der Gruppe erinnern, als wäre es gestern gewesen. In Wirklichkeit ist es leider schon Jahre her. Man ist nervös, sagt in Gedanken immer wieder ab und ist nach dem ersten Besuch erleichtert. Die damalige Gruppenleiterin hat mich gebeten mehrmals zu kommen und erst dann zu entscheiden, ob es mir etwas bringt. Diese Frage war schnell geklärt. Es gibt keinen ehrlicheren Raum für Glücksspielsüchtige als diesen. Selbst da schummle ich hin und wieder über das wahre Ausmass meiner Sucht aber deutlich weniger als im normalen Leben. Zudem habe ich schon sehr viel über mich und über die Krankheit gelernt.
  • Einzeltherapie. Fazit: funktioniert, besonders gut in Phasen der Abstinenz. Seit ich glücksspielsüchtig bin, habe ich schon drei Therapeutinnen und Therapeuten gehabt. Jede und jeder hat etwas zu meiner heutigen Situation beigetragen und ich möchte sie nicht missen. Ehrlicherweise muss man aber auch gestehen, dass niemand in diesem Bereich eine Chance hat Fortschritte zu erwirken, wenn der Patient nicht willig ist WIRKLICH etwas zu ändern. Ich war nicht immer willig und bin schon als Alibiübung hingegangen, was natürlich kompletter Blödsinn ist.

Was habe ich noch nicht probiert, möchte ich aber ausprobieren:

  • Aktive Kontrolle einfordern. Ich überlege mir, wie ich mich verhalten würde wenn jemand von Zeit zu Zeit die Blockiersoftware meiner Geräte testen würde. Das ist ja ein eigentlich sehr wirksamer Schutz. Die mögliche Kontrolle spielt mit der Scham erwischt zu werden. Gleichzeitig ist es auch ein Eindringen in die Privatsphäre. Je nachdem welche Seite ich beleuchte, finde ich es eine gute Idee weil es ja nichts zu verbergen gäbe. Gleichzeitig fühle ich mich unwohl mein Smartphone kontrolliert zu erhalten. Mir kommt da eine Art Dopingkontrolle in den Sinn. Mit einer solchen wäre es ja irgendwie vergleichbar.
  • Aktiver Kommunizieren. Ich spreche eigentlich nie über meine Sucht. Das hat einerseits mit Scham zu tun weil ich grundsätzlich von einem Nichtverständnis ausgehe und andererseits in Phasen, in denen ich nicht abstinent bin, verheimliche ich es gerne. Sobald es ans Tageslicht käme, müsste ich etwas unternehmen und wäre ertappt. Da ich von meinem Umfeld nicht einfordern möchte mich zu kontrollieren, müsste die Initiative von mir aus gehen. Ich müsste von Tag 1 der Abstinenz offen sagen, wie es mir geht und sobald das Unvermeidliche geschieht, nämlich dass das der Suchtdruck wieder zunimmt, müsste man aktiv dagegen vorgehen zu versuchen. Diese Idee würde vermutlich funktionieren, liegt aber nicht in meinem Naturell.
  • Doppelvollmacht auf Bankkonti einrichten. Sinn wäre es zu verunmöglichen, dass ich in einer sehr schlechten Phase zu einem Bankschalter laufe, mich irgendwie ausweise und Geld beziehe. Ich kläre das derzeit ab. Das mache ich ungern weil es Fragen auslöst und es ein doch recht spezieller Wunsch ist, aber sind wir einmal ehrlich. Ein Blick auf meine eigenartigen Kontobewegungen und man weiss Bescheid. Nachtrag vom 22.08.2019: eine solche Vollmacht existiert nicht. Es wäre besteht höchstens die Möglichkeit, dass eigene Geld auf den Namen einer vertrauten Person laufen zu lassen und dann zwei Vollmachten einzurichten. Dann kann der Süchtige nur zusammen mit der Vertauensperson Geld am Schalter beziehen.

  • Passwort ändern für meine eigenen Konti. Ich werde meine Partnerin bitten bei meinen eigenen Konti auch ein Passwort zu setzen, das ich nicht kenne. Damit sind Zugriffe auf das Konto um allfälliges erhaltenes Geld weiterzuüberweisen verumöglicht.
  • Passwort setzen bei meinem Zugriff auf das Geschäftskonti. Hauptproblem ist bei mir eigentlich mittlerweile der Zugriff auf das Geschäftskonto. Ich würde mir wünschen, ich hätte keinen Zugriff darauf und doch ist es Teil meines Aufgabenbereiches. Ohne das ich die Karten auf den Tisch lege, wird sich das auch nicht ändern. Um meine Aufgabe erfüllen zu können und dennoch nicht Gefahr zu laufen mir einen „Lohnvorschuss“ auf mein eigenes Konto zu gewähren, überlege ich mir die Zahlungen einmal im Monat unter Aufsicht durchzuführen. Ich weiss nicht wie praktikabel dass das ist und ich möchte meine Partnerin eigentlich nicht noch mehr belasten, aber es könnte ein Ausweg sein.
  • Blockierapps auf Smartphone. Eine weitere schöne Erfindung sind Apps wie „BlockSite“ oder „Super AppLock“. Erstere verunmöglichen das Aufrufen gewisser Seiten, die nicht wirklich Glücksspielinhalt haben aber dennoch gesperrt werden sollten, weil sie mich dazu verführen mich überhaupt erst mit dem Thema zu befassen, wie zum Beispiel einschlägige Sportwettenseiten. Das zweite App verumöglicht das Öffnen verschiedener Apps, die ebenfalls als Vorhandlung eines Rückfalls dienen könnten. Einziger Nachteil: auch hier muss wieder eine Drittperson ein Passwort, Code oder Muster setzen.
  • Gründe für das Spielen definieren und entsprechende Ersatzhandlungen finden. Diese Massnahme habe ich vor Kurzem erst durch die Teilnahme an einer neuen Studie unser lokalen Universität erfahren. Sie ist sicher vielversprechend, aber auch schwierig umzusetzen. Beispielsweise soll man sich überlegen, was man beim Impuls Langeweile anstelle des Glücksspiels machen könnte. Anschliessend nachdem man man seine Liste der ausschlaggebenden Gründe definiert hat, soll man die dazu gefundenen Ersatzhandlungen in Ihrer Wirksamkeit auf einer Skala von 1-10 bewerten. Bei allen Ersatzhandlungen unter Wirkungsfaktor 10 soll man solange weitersuchen bis alle maximal erfüllt sind. Ich habe meine Gründe definiert, scheitere aber an wirksamen Ersatzhandlungen.
  • Professioneller Beistand suchen. Um die Personen in meinem Umfeld zu entlasten, könnte ich eine Art Beistand für mich suchen. Meine Partnerin übernimmt im Moment Verantwortung, die die Beziehung belasten könnte. Insbesondere wenn sie beginnen würde mich stärker zu kontrollieren. Das wäre vermutlich aber nötig, dass die Massnahmen greifen. Es ist für mich im Moment angenehm, da es mir ermöglicht mich immer wieder selber in Diziplin zu versuchen, aber es lässt auch sehr viel Spielraum offen. Wenn ich mir vorstelle, wie sie meine Kontobewegungen kontrolliert, läuft es mir kalt den Rücken runter. Das würde mich herabsetzen und passt nicht zu einem lockeren, unbeschwerten Umgang, den ich mir in einer Beziehung eigentlich wünsche.
  • Da ist doch einiges Zusammengekommen über die Zeit und die Liste ist vermutlich noch nicht einmal vollständig. Als Gesamtfazit würde ich sagen, dass die Massnahmen über die Zeit immer drastischer wurden, aber auch immer besser funktioniert haben. Es braucht schon eine schonungslose Ehrlichkeit gegenüber sich selber um schon bei der Definition dieser Massnahmen die möglichen Hintertürchen gleich mitzuschliessen. Mir ist es relativ gut gelungen den finanziellen Schaden seit einigen Jahren in Grenzen zu halten, aber es ist noch lange nicht so wie es sein müsste und es gibt noch viel zu tun. Im Moment bin ich sehr bereit offen und ehrlich über meine Sucht zu sprechen, was vermutlich die Massnahme Nummer 1 bildet.

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