Am Anfang stand der Spass

Das erste namhafte Glücksempfinden im Bezug auf Sportwetten geht bei mir auf den 23.02.2004 zurück. Das weiss ich deswegen so genau, weil damals an der Europameisterschaft Deutschland gegen Tschechien 1:2 verlor. Einige Monate zuvor hatte mich ein begeisteter „Börseler“ auf Betfair aufmerksam gemacht. Eine Wettbörse bei der auf jedes erdenkliche Ereignis gewettet werden kann und der Preis, bzw. die Quote aufgrund von Angebot und Nachfrage bestimmt. Betfair schnappt sich jeweils vom Gewinn ein paar Prozente. Das finde ich nach wie vor aus ökonomischer Sicht ein geniales Geschäftsmodell und wenn ich mich nicht bereits am hätte lebenslänglich sperren lassen, hätte ich dieser Firma alles verlorene Geld vermacht.

So begann ich damals mit dem Mindesteinsatz von 4 $ auf einzelne Fussball- und Tennisspiele zu setzen, die ich sowieso verfolgt hätte. Einer dieser Tipps war die Ergebniswette beim erwähnten Spiel. Tschechien war mit einer B-Elf angetreten, die Deutschen haushoher Favorit. Milos Baros schoss die tschechische Mannschaft in der 79. Minute zum Sieg und mich zu meinem ersten Glücksspielrausch. Einer der nachhaltig wirken sollte. Ich hatte ein neues Hobby, welches mir ideal vorkam. Sport, der mir verbunden mit Wissen zu einem kleinen Zuschuss verhalf.

Verlauf der Glücksspielsucht

Die Glücksspielsucht kennt keinen eigentlichen Anfang und leider auch kein eindeutiges Ende. Sie entwickelt sich zumeist über Jahre und schleicht langsam in unser aller Leben und macht es sich dort gemütlich.

Die meisten Suchterkrankungen verlaufen in verschiedenen Phasen, welche fliessend ineinander übergehen. So individuell eine Glücksspielsucht auch empfunden wird, kann man immer drei grobe Entwicklungsstadien feststellen:

Anfangsstadium – Am Anfang stand ein Hobby
In dieser ersten Phase, auch als „Einstiegs“- oder „Gewinnphase“ bezeichnet, werden gemäss Lehrbuch erste, positive Erfahrungen mit dem Glücksspiel gemacht. Die Gewinne werden statt auf den Zufall vielfach auf das eigene Geschick zurückgeführt. Man hat das Gefühl, man habe ein „Rezept“ gefunden, man sei schlauer als andere oder man habe wenigstens mehr Glück als der Durchschnitt. Durch diesen Irrglaube wird das Selbstbewusstsein gestärkt und die Bereitschaft weiter zu spielen wird erhöht.

Viele erleben das Glücksspiel zudem als Möglichkeit, in eine andere Welt abzutauchen und dadurch den Sorgen und Nöten des Alltags zu entfliehen. Die Bereitschaft mehr Geld zu setzen steigt kontinuierlich und treten Verluste ein, wird weitergespielt, um das verlorene Geld wieder reinzuholen. Wie ich über die Zeit von einer sportinteressierten Person zu einem Glücksspielsüchtigen wurde, lest ihr hier.

Ans Verlieren gewöhnt

Diese Phase wir häufig auch als „Verlustphase“ bezeichnet. Ein immer grösserer Teil des Alltages dreht sich um das Spielen. Die Einsätze und damit die Risikobereitschaft nimmt weiter zu. Die Folge: Es kommt zu immer häufigeren und höheren Verlusten, die man wieder auszugleichen versucht – ein Teufelskreis beginnt.

Das Glücksspiel nimmt einen immer höheren Stellenwert im Leben ein, Freundschaften und die Familie werden vernachlässigt und die Leistung bei der Arbeit oder Ausbildung lässt nach. Die Gedanken kreisen zu sehr um das Spiel und auch darum neuen Stoff, sprich Geld zu beschaffen. In dieser Phase werden häufig Kredite aufgenommen oder Geld von Freunden und Familie ausgeleiht. Durch die einseitige Fokussierung auf das Spielen kommt es häufig zu Streitereien in der Partnerschaft. Die Betroffenen sind in dieser Phase kaum in der Lage, ihre Probleme aktiv anzugehen und flüchten stattdessen verstärkt in die Welt des Glücksspiels.

Um das zunehmend problematische Spielverhalten und seine Konsequenzen vor der Umwelt zu verbergen, greifen die Spielenden vermehrt zu Lügen – etwa um ihre finanzielle Not zu erklären bzw. Gründe dafür zu finden, dass man ihnen Geld leiht. Verluste werden bagatellisiert, kleine Gewinne gross geredet (vgl. Anker). Von einer eigentlichen Sucht kann hier aber noch nicht gesprochen werden. Die Spielenden haben die Kontrolle über ihr Spielen noch nicht vollkommen verloren, zum Teil gelingt es ihnen auch, eine Zeit lang auf das Spielen zu verzichten.

Verzweiflung pur – Das Suchtstadium

Über die dritte Phase habe ich selber bisher nur gelesen und hoffe ihr nie begegnen zu müssen. Die letzte Phase der Spielsucht wird auch als „Verzweiflungsphase“ bezeichnet – aus gutem Grund, denn in diesem Stadium haben die Betroffenen die Kontrolle über das Spielen bereits verloren. Einmal mit einem Spiel begonnen wird das gesamte Vermögen verspielt. Gewinne werden sofort wieder eingesetzt, Beginn und Ende eines Spiels können von den Spielern bzw. Spielerinnen nicht mehr gesteuert werden.

Das Glücksspiel wird zum alleinigen, alles beherrschenden Lebensmittelpunkt. Familie und Freunde werden zunehmend belogen – um weiterspielen zu können und auch aus Scham wegen der hohen Geldverluste und des von den Betroffenen oft als Charakterschwäche erlebten Kontrollverlusts. Im Gegensatz zu der vorausgehenden Phase der Gewöhnung ist es den Spielern und Spielerinnen in der Suchtphase nicht mehr möglich, eine Zeit lang auf das Spielen zu verzichten. Solche Selbstversuche enden zumeist mit einem Rückfall und damit einem weiteren starken Frustrationserlebnis.

Es treten Entzugserscheinungen (vgl. Craving) auf, wie zum Beispiel Konzentrationsprobleme, Schlafschwierigkeiten und eine allgemeine Antriebslosigkeit, besonders in den zu diesem Zeitpunkt meist bereits seit mehreren Jahren vernachlässigten Lebensbereich. Viele Betroffene haben in dieser Phase Schuldgefühle, teilweise kommt es zu Selbstmordgedanken bzw. -absichten. Das Spielen selber ist nicht mehr mit den positiven Erfahrungen des Anfangsstadiums verknüpft, euphorische Stimmungen treten nicht mehr auf.