Tag 12: Gruppentherapie

Heute hatte ich Gruppentherapie und die protektive Wirkung ist mir sehr aufgefallen. Mir fällt dazu immer das Weight Watchers Programm bei denen ja öffentlich von Woche zu Woche gewogen wird und man sich Medaillen oder andere Belohnungen abstauben kann. Dieser soziale Vergleich scheint zu funktionieren.

Bei uns gibt es zwar kein Belohnungssystem aber man erhascht Komplimente und Aufmunterungen. Daneben hört man von Fällen denen es mies geht und solche bei denen man den nächsten Absturz vorhersehen kann. Alles Faktoren die einem aus der Sucht, aus diesem Flash holt.

Hilfreich sind die anderen Süchtigen, die einem mit ihrer schonungslosen Ehrlichkeit in die Realität zurückholen.

Vielleicht stelle ich dann einmal Tipps zur Abstinenz zusammen. Das ist aber erst glaubwürdig, wenn ich schon sehr lange Ex-Spieler bin und mein Tattoo trage.

Tag 11: Schwierig 

Es ist schwieriger als letzte Woche abstinent zu sein. Ich bin froh habe ich praktisch kein Geld im Sack oder auf dem Konto. Nicht das ich glaube, dass ich jetzt rückfällig würde aber sicher ist sicher.

Ich merke, dass mich die US Open interessieren. Ich hätte auf Del Potro als Sieger oder mindestens Finalteilnehmer gesetzt. Normalerweise würde ich jetzt recherchieren. Das mache ich jetzt nur begrenzt, weil ich weiss dass das kontraproduktiv wäre. Ich hoffe aus diesem Motivationstal zu finden und das es mit der Zeit tatsächlich einfacher wird.

Tag 8: Ersatzhandlungen

Ich weiss nicht, ob man von Ersatzhandlungen sprechen kann, aber ich glaube, dass ich gewisse Sachen mehr mache, seit ich nicht mehr wette. Vielleicht handelt es sich aber auch um einen Wahrnehmungsfehler, weil ich mich ja gedanklich zuerst neu ausrichten muss und Dinge die nichts mit dem Wetten zu tun haben wohl eher überinterpretiere.

Jedenfalls ernähre ich mich schlecht, viel zu süss und viel zu fettig. Mit dieser Ernährung kommt in Folge die unreine Haut, welcher ich mich gerne in zerstörischer Manier widme. Ich würde mich dann am liebsten im Bett verkriechen bis ich wieder „normal aussehe“.

Das sind zwei weitere Punkte, die ich noch so gerne hinter mir lassen würde. Alle Handlungen, ob die Haupthandlung oder deren Ersatzhandlungen haben etwas gegen mich gerichtetes und trotzdem halte ich daran fest. Aber man braucht ja noch Ziele im Leben 🙂

Tag 7: Danke Steve

Eine Woche ist es nun her seitdem mich Steve Guerdat reichlich beschenkt hat. Mit seinem vierten Platz hat er mir den Verlust beschert, der das Fass zum Überlaufen brachte und mich ins Nachdenken.

Gold für Steve, Bronze für mich und meine wöchige Abstinenz.

Mit dem Wochenende und einer prall gefüllten Brieftasche steht theoretisch eine Bewährungsprobe vor mir. Praktisch mache ich mit da aber nach wie vor überhaupt keine Sorgen.

Tag 6: Nobody trust me

Seit nunmehr sechs Tagen habe ich nun nicht mehr gewettet. Das ist weiss Gott noch keine lange Zeit. Wenn ich das jemandem erzähle und da kommen Wenige in Frage, ernte ich Skepsis. Skepsis die ich gut verstehe, aber sie verletzt mich. Daran merke ich, wie wenig man mir und meiner Krankheit vertraut. Nicht vorzustellen wie das für Süchtige sein muss, die ihr Umfeld sogar geprellt haben. Den Applaus muss ich mir deshalb umso mehr selber spenden. Irgendwann würde ich ihn wohl auch von Aussen kriegen, aber das eigentliche Ziel ist, von diesem völlig unabhängig zu werden.

Tag 5: No news are good news

Es ist immer noch alles im Lot. Das ist sogar eher untertrieben; es geht mir wirklich sehr gut.

Schon eigenartig das zu schreiben oder noch mehr zu empfinden. Da kommt man doch sofort zur Frage: wenn dir offenbar nichts fehlt und du dich sogar besser fühlst, weshalb hast du denn das nicht schon lange vollzogen?

Was soll ich sagen? Vielleicht hat sich etwas geändert? Vielleicht brauchte ich Zeit? Vielleicht ist es ja nur eine Momentaufnahme und die Bewährungsprobe folgt noch? 

Jedenfalls sollte ich mir wohl nicht zu viele Gedanken machen und die wiedererlangte Freiheit einfach geniessen.

Ich wünsche allerseits einen schönen Tag!

Tag 4: Langsam gehen mir die Themen aus

Ich habe gestern zum ersten Mal den Tagesblog über Facebook geteilt. Gelesen wird das aber von niemandem ausser man findet diese Facebook-Page zufällig. Unter meinen Facebook-Freunden teilen kann ich ihn nur beschränkt, da ich ja anonym bleiben möchte.

Am liebsten wäre es mir, wenn ich etwas beitragen könnte damit sich andere, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben, angesprochen fühlen und eine Art Hilfe finden. Es ist mir aber selber noch nicht klar in welcher Form und ob sich das mit meiner Anonymität verträgt.

Vermutlich werde ich in den nächsten Tagen nicht mehr täglich „rapportieren“. Mir gehen schlicht die Themen aus. Ich bin aber natürlich immer noch standfest und werde es auch noch eine Weile bleiben. Da bin ich mir ganz sicher.

Tag 3 und 1. Arbeitstag

Ich habe mir gedacht, dass es vermutlich einfacher sein wird am Wochenende nicht zu spielen als wenn ich arbeite. Das klingt zwar nicht sehr logisch, aber entspricht eher meinem bisherigen Wochenablauf. Ich habe bisher ja immer anfangs Woche mein gesamtes Wochenbudget erhalten und das bedeutete meistens der Anfang vom Ende.

Ich war deshalb gespannt, wie es mir heute ergehen würde und ob es schwierig wird. Unterstützt in meinem Vorhaben nicht schon wieder rückfällig zu werden, hat mich das neue Taschengeldsystem. Pro Tag stehen wir jetzt CHF 25 zu, was ja eigentlich locker reichen sollte. Spezialausgaben wie Anschaffungen oder Abendtermine kündige ich vorher an und kriege entsprechend mehr. So habe ich mir ein eigenes Budget von CHF 200 für Montag bis Freitag gegeben, mit dem ich in der Grosszahl der Wochen gut fahren würde.

Bei der Festlegung des optimalen Taschengeldbetrages suche ich den Betrag, der genügend hoch ist damit ich nicht ständig in Erklärungsnotstand in gesellschaftlichen Situationen gerate (äh sorry, habe gerade mein Geldbeutel vergessen) und klein genug um den Spieltrieb gar nicht erst auszulösen. Ich bin gespannt, ob ich diesen mit CHF 25 bereits gefunden habe.

Heute hätte man mir aber die gesamte Wochenration geben können und sogar noch mehr und es wäre nichts passiert. Ich habe seit langem wieder einmal die Lust und die Energie zu beweisen, dass ich selber bestimme was mit meinem Leben passiert. Gefährlich wird es in der Regel erst, wenn der Erwartungsdruck an mich selber wieder sinkt. Aber nur schon dieses Gefühl wieder einmal zu spüren ist für mich ein Erfolg. Das ist echt lange her.

Tag 2: Easy

Heute war es verhältnismässig einfach nicht zu spielen. Ich war sehr beschäftigt. Was mich aber erstaunt hat ist wie ich mich nach dem Aufwachen gefühlt habe. Ich hatte diese innere Nervosität, diesen inneren Drang die mich zum Spielen auffordert. Gleich nach dem Aufwachen? Hier merkt man wie viel im Hirn abgeht ohne mein Zutun. Es wird lange dauern, bis es wieder „normaler“ funktioniert. Ich hoffe, ich erlebe es!

Tag 1: Kleine Brötchen machen auch satt

Gestern war ein schrecklicher Tag. Ein schrecklicher Tag für mein Ego. Dieses muss ich im Moment wirklich immer wieder zu Grabe tragen.

In der Gruppentherapie fällt mir bei den Anderen immer auf, wie häufig ihnen ihr Ego beim Finden einer Lösung im Wege steht. Der erste, schlimme Schritt ist immer das sich eingestehen krank zu sein. Das ist ja sowieso einer der vier Kränkungen, die der Mensch im Laufe seiner Evolution erfahren musste: „Man ist nicht immer Herr im eigenen Haus“. Manchmal entscheidet man nicht mehr selber, sondern die Gedanken entscheiden für uns. Die schlimmste Form dieser Entrückung vom eigenen Ich ist bestimmt die Schizophrenie, aber auch eine ausgeprägte Sucht lässt einem ein anderer Mensch werden.

Ja, ich bin ein anderer Mensch geworden und mein Ego findet das überhaupt nicht toll, krank zu sein und nicht mehr entscheiden zu können etwas zu lassen, was mir schadet.

Da für mich alles in einem grösseren Zusammenhang steht (und vielleicht auch weil das Leben für mich sonst entweder sinnlos oder ungerecht wäre), muss dieser Egoverlust sicher auch zu etwas gut sein. Ich merke, dass ich durch die jetzige Krise, die aber schon vor Jahren ihren Anfang nahm, meine Rollen extrem hinterfrage.

Das ist denn wohl auch der eigentliche Vorteil. Getreu dem Motto „ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“, wird man auch von dem einen oder anderen Eigenbild befreit welches längst überholt ist. Schwierig ist es aber nicht in neue zu verfallen sondern sich selber neu zu definieren. Ein Lebensthema.

Auch mein Ego steht mir ständig beim Finden einer Lösung im Weg. Da der „Siebesiech“, der ja sicher irgrendwo in mit wohnt, schon arg ramponiert ist und ich mich lieber um mein Selbst als um mein Ego kümmere, habe ich in Momenten der Krise auch immer wieder Entscheidungen getroffen, die sinnvoll waren. Für den Entscheid die Verwaltung meines Geldes abzugeben, gebe ich mir selber die Bestnote. Bestnote auch an meine Partnerin, die es mit ihrer Art schafft einen Spagat zwischen Kontrolle und Verständnis zu machen. Immer wenn mein verletzer Stolz wieder die Eigenregie des Geldes übernehmen möchte, hat sie deeskaliert. Natürlich ist es mein und vermutlich der Wunsch aller Spieler irgendwann die Kontrolle wieder selbst zu haben. Das ist aber ein langer, steiniger Weg.

Im Moment ist für mein Ego kleine Brötchen backen angesagt.