Tagebuch an einem verschissenen Tag

Ich habe gerade meine Statistiken angeschaut und gesehen, dass sich praktisch niemand auf dieser Webseite verirrt. Das ist mir im Moment noch so recht. Eigentlich habe ich den Blog einmal eingerichtet, weil ich dachte, es gäbe irgendwann Publikum. Mittlerweile bin ich aber froh, wenn ich für mich alleine bleibe und mir meine Sorgen vielleicht so ein wenig von der Seele schreiben kann.

Heute ist nicht Tag 2, heute ist wohl nicht einmal Tag 1. Es ist aber auch absolut unrealistisch, dass ich in meiner Verfassung mit der Wetterei von jetzt auf gleich aufhören können sollte.

Gestern, nach dem letzten Verlust, habe ich die aktuelle Webseite sperren lassen, habe der in Frage kommenden Psychotherapeutin geschrieben und war wiedereinmal guter Dinge. Hauptsache ich habe einen Plan, den ich verfolgen kann. Sehe einen Ausweg. Den Abend habe ich geruhsam und schön mit meiner Partnerin verbracht.

Heute Morgen sehe ich, dass fälschlicherweise eine dritte Überweisung wieder neues Geld auf mein Konto gespült hat. Kaum gesehen, hatte ich wieder diesen Zustand. Diesen Zustand bei dem sich alles nur noch darum dreht, dass ich das Geld ja verwenden könnte um die Verluste der vergangenen Tage auszugleichen. Die Einzahlung auf einem neuen Wettkonto, bei Wettanbieter 1002, bei dem ich mich selber noch nicht gesperrt habe, war schnell erledigt. Gewettet habe ich auf einen Tennismatch in Kombination mit einem Fussballmatch, beides Livewetten. Ich kenne keiner der Spieler, egal. Einfach in etwa eine Zweierquote erzielen bei dem der Einsatz verdoppelt würde um die Schmach ein bisschen zu verkleinern. Seit Wochen verdoppele ich den Beitrag so lange in meinem Kopf bis ich die CHF 4’000, die ich Ende März verloren hatte, wieder zurück sind und ich mich zurücklehnen kann. Wirklich daran glauben, tue ich nicht. Nicht daran, dass das möglich wäre.  Noch daran dass ich mich dann zurücklehnen könnte. Eine Logik gibt es schon lange keine mehr. Die habe ich mir selber irgendwann aus dem Kopf gepustet. Je länger diese Sucht dauert, je weniger kann ich hinter mir stehen. Ich akzeptiere sie nicht als zu mir gehörig. Ich bekämpfe sie!

Der Tennisspieler liegt schon einen Satz zurück. Das wird nichts. Nachladen. Nächste Wette: zwei japanische Fussballspiele. Die eine Mannschaft gerade 0:1 in Führung gegangen. In meinem Kopf spielt sich die Idee ab, dass das ja einen Überraschungssieger geben könnte. Das die Quote viel zu hoch ist, blende ich aus. Sie muss hoch sein, sonst sehe ich das viele Geld, welches ich verloren habe, sowieso nie mehr.

Um 9:00 Uhr kommt die Kundin. Eigentlich möchte ich sie jetzt nicht beraten, eigentlich würde ich lieber den Liveticker verfolgen. Etwas was ich in den letzten Tagen, Wochen, ach Jahre immer wieder bei meiner Arbeit mache. In schwachen Minuten wie jetzt, frage ich mich, ob ich überhaupt noch wirklich 100% arbeitsfähig bin. Das alles ist doch nur möglich, weil ich eine unglaubliche Freiheit in meiner Arbeit habe. Weil ich in der Zeit, die neben der Wetterei übrig bleibt, überdurschnittlich schnell arbeite und trotzdem immer à jour bin. Aber natürlich auch deutlich unter meinen Möglichkeiten.

Die Beratung ist vorüber. Kurz nochmals den Tennismatch gecheckt: Klar. Hat verloren. In zwei Sätzen. Die Japaner? Die eine Mannschaft, mein Aussenseitertipp hat 4:1 auf den Deckel gekriegt. Verloren. Alles verloren. Schon wieder.

Kontostand? Jetzt noch CHF 20. Wie mache ich mit CHF 20 die Verluste wieder wett? Rubbellose! Die 4 Rubbellose am Kiosk: alles Nieten. Aus Frust kaufe ich mir, wie so häufig, etwas Süsses. Das geplante Joggen auf dem Laufband kippe ich aus dem Programm. Ich bin niedergeschlagen, fühle mich elends. Frage mich, wie ich denn je aus diesem Teufelskreis kommen soll? Mit meinem restlichen Kleingeld kaufe ich mehr Süsses und sitze an den See. Fresse es in mich hinein. Alles. Das Süsse, aber auch meine Probleme.

Keiner weiss davon. Keiner weiss wie schlecht es mir eigentlich geht. Ich überlege mir, dass nicht einmal ich weiss, wie schlecht es mir eigentlich geht. Ich beschliesse diese Zeilen zu schreiben um sie dann vielleicht irgendwann einmal jedem in die Hand zu drücken, der wissen will wie es mir denn aktuell geht. Denn das Lächeln, dass Dir entgegenfliegt, ist meine Liebe zu Dir und vielleicht ein aktueller Glücksmoment, den ich mit Dir teile. In Wirklichkeit jedoch, bin ich an einem echten Tiefpunkt in meinem Leben angelangt und weiss mir nicht mehr zu helfen. Ich komme mir vor wieder Narr, der am Abgrund tänzelt.

11_wasserma

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