Phönix aus der Asche

Heute Abend war ich seit längerer Zeit wieder einmal in der Einzeltherapie. Ich habe damit Ende Januar dieses Jahres begonnen und bin so im Schnitt alle zwei Wochen in meiner Schematherapie.

Ich werde bestimmt noch einige Male darüber berichten, weil die Therapie einer der Hauptpfeiler auf meinem Weg aus der Sucht bilden wird.

Zum Abschluss der heutigen Sitzung hat mich mein Gegenüber gefragt, was ich denn heute mitnehme? Gute Frage! Ich nehme immer etwas mit, ganz klar. Die letzten beiden Male habe ich aber eher mehr Fragezeichen mitgenommen als Antworten erhalten. Nicht dass ich das Gefühl hätte das sei nicht normal oder als sei es meinem Therapeuten seine Aufgabe mir Antworten zu liefern, aber es ist ein irgendwie unangenehmes Gefühl. Es ist der ultimative Auftrag sich mit sich selber zu beschäftigen. Das mache ich zwar schon mein Leben lang, stelle aber immer wieder fest, dass ich mich nicht wirklich kenne. Der Therapeut stellt Fragen, die ich nicht aus dem Stegreif beantworten kann:

  • Wie fühlen sie sich wenn sie nicht spielen?
  • Wann spielen sie?
  • Sind es Situationen in denen sie besonders Stress haben?
  • Wieviel verlieren sie denn so im Schnitt?

Fragen über Fragen, die ich mir selber auch stelle. Das Warum umtreibt mich schon sehr, sehr lange.

In der heutigen Sitzung habe ich stolz von meiner 11-tägigen Abstinenz berichtet. Ich habe detailliert berichtet, wie es dazu kam. Dass ich froh sei, dass ich im Moment das Schulden machen noch das grössere Übel finde, als nicht wetten zu können.

Er hat mir neurologische Zusammenhänge erklärt. Mir erklärt, dass das dem „letzten Mal“ zu widerstehen eine Husarenarbeit ist und dass nur sehr wenige keine Rückfälle erleiden. Er schlägt mir vor zu meinem eigenen Schutz nicht ein „nie mehr wetten“ anzustreben, sondern mit Fristen zu arbeiten. Wir haben deshalb jetzt ein „nicht mehr Wetten bis 25.4.“ vereinbart. Einen Monat ab jetzt!

Im Moment fühle ich mich stark und motiviert genug um dieses Ziel zu erreichen. Im Gegenteil, ich fand es im ersten Moment komisch von meinem „nie mehr“ Ziel abzuweichen. Ich kann zwar die Überlegungen sehr gut nachvollziehen, aber es fühlt sich dennoch wie einen Rückschritt an.

Danach hat er mich gefragt, wie es denn mit dem Essen laufe? Schlechtes Thema! Der Grund weshalb ich überhaupt erst mit dieser Therapie angefangen habe, ist nämlich eine zusätzlich zur Glücksspielsucht entwickelte Essstörung. Ich dachte mir damals, es gäbe vielleicht Mengenrabatt, wenn ich mich im Kaufhaus der psychischen Krankheiten so richtig nach Belieben eindecke. „… und wenn sie jetzt gleich sofort anrufen, kriegen sie nicht eine, NEIN, nicht zwei, sie kriegen DREI Zwangsvorstellungen mit dazu!“

Scherz beiseite. Der Zeitpunkt, wenn man merkt, dass einem seine Sucht völlig aus dem Ruder läuft und man sie mit einer anderen Sucht versucht in den Griff zu kriegen, ist sehr niederschmetternd. Wenn einem die Waage jeden Morgen ins Gesicht schreit: „DU HAST EIN PROBLEM, KÜMMERE DICH ENDLICH DARUM“ ist ein weiteres Leugnen irgendwie unmöglich. Da ich glücklicherweise in einem Haushalt aufgewachsen bin, indem die psychische Krankheit einen festen Stuhl am Familientisch hatte (Schizo, sprichst Du heute das Tischgebet, bitte?) fällt mir das Annehmen von externer Hilfe leicht. Es gibt einfach Themen, die man selber nicht gebacken kriegt. Ich hatte in der Vergangenheit ja schon ein paar Anläufe genommen, aber eine Einzeltherapie und eine Gruppentherapie, kombiniert mit Massnahmen der Geldgesundung und Orientierung meines Umfeldes ist ganz klar eine neue Ebene. Ich bin im Moment bereit, alle Register zu ziehen und ich bin unendlich froh, so tief gesunken zu sein. Ich weiss: Klingt komisch, is aber so!

Mir fällt in solchen Momenten immer der Phönixvogel ein, der aus der Asche emporsteigt. Diesen Phönix werde ich mir irgendwann tätowieren. Er steht für eines meiner Lebensmotti „Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen“ und dafür immer wieder aufzustehen, wenn man hingefallen ist. Er steht auch dafür, dass nur diejenigen das Hochgefühl erleben können, die schon in die Tiefe abgestiegen sind und deshalb ist es eine Frage der Zeit, bis die Zeit reif ist das auf meiner Haut zu verewigen.

Solltet ihr also irgendwann einen sympathischen Typen kennenlernen, der ein solches Tattoo trägt, gratuliert ihm. Er hat es verdient. 

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