Wenn der erste Schock vorüber ist

Gerade mal eine Woche ist es her, als ich eine weitere Schwelle, die bis vor kurzem unübertretbar schien, mit Leichtigkeit überhüpft habe. Wenn man sich schon so lange mit seiner Sucht beschäftigt wie ich und sich durch die einschlägige Ratgeberliteratur gelesen hat, weiss man, dass eine der Eskalationstufen im Teufelskreis nach unten, im Schulden machen liegt. Mir war das aufgrund eines hohen Grundeinkommens und weil ich mein Grundvermögen nie angetastet habe, völlig fremd. Gleichzeitig hatte ich aber auch grosse Angst davor und habe ich noch immer.

Seit letztem Sommer ist mein Vermögen geschmolzen wie Eis an der Sonne. Ausgehend von grossen Gewinnen durch die Fussball-Weltmeisterschaft und des berühmten „Nicht akzeptieren Können von Verlusten“ habe ich gezockt was das Zeug hielt. In der Retrospektive betrachtet, würde ich gar von einem halbjährigen Dauerflash sprechen. Alle Bemühungen aufzuhören waren lächerlich. Auch nach einem erneuten hohen Verlust ging es vielleicht gerade einmal ein paar Tage bis der nächste Supertipp meinen Weg kreuzte. Besonders anfällig bin ich für Tennis-Grandslams. Wenn der Maestro namens Federer seine Keule schwingt und mein Glauben an ihn sich angereichert durch blinden Nationalstolz in einer Turnierwette niederschlägt, habe ich eigentlich schon verloren. Einmal, beim letzten Grandslamsieg, den 17. insgesamt, ist alles aufgegangen. Alle hatten ihn aufgrund des Alters schon abgeschrieben und nur ein paar Unbeirrbare oder Süchtige wie ich es bin, haben ihr Geld auf ihn gesetzt.

Bei Turnierwetten ist der Endorphin-Outcome für das investierte Kapital vergleichsweise gut eingesetzt. Da immer wieder ein Spiel stattfindet, hat man zwei Wochen lang eine gewisse Grundnervosität. Man kann sich nach Siegen durch die Meldungen lesen und sich bei guter Kritik bestätigt fühlen, kann den Wecker stellen und mit wenig Schlaf büssen und beim Beinahe-Ausscheiden kann man gar eine Schicksalsfügung ausmachen. Natürlich ist das alles weder gesund noch bei näherer Betrachtung lohnenswert, aber der Kick ist enorm.

Das letzte halbe Jahr hat meine Reserven immer mehr aufgebraucht. Ich würde von einer Pechsträhne sprechen, wobei jeder weiss, das nur Süchtige unbeirrbar von Glück und Pech sprechen. Meine Wenigkeit glaubt dann sogar daran, dass das Schicksal mir, mit den Verlusten, die zum Teil haarsträubend knapp ausfielen, einen erneuten Wink geben möchte: „Hör auf, solange Du überhaupt noch kannst!“

Danke liebe Moira, dass Du es immer wieder versuchst. Ich werde Dich nicht noch einmal enttäuschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s