Eine Woche

Die Zahl Sieben prangt heute an unserem Metallpfosten und zeigt mir, dass ich bereits wieder eine Woche abstinent bin. Es war ein gute Woche. Eine Woche in der ich mir nur selten schwach gefühlt habe. Eine Woche in der ich nichts recherchiert habe und bewusst alles von mir weggehalten habe, was mich reizen könnte.

Um einen Schritt weiterzugehen, schnallen wir den finanziellen Gürtel noch etwas enger. Ich möchte die Lösung eines Kontos, auf welches jeden Tag CHF 20 eintreffen um dann Ende Woche den Überschuss wieder zurückzuüberweisen, testen. Ich möchte mich zukünftig nur noch über das Handy meiner Partnerin in den E-Bankingzugang meines Arbeitgebers einloggen können, damit wir einmal im Monat die Zahlungen, welche von dort aus gemacht werden müssen, zusammen besprechen. So schliesse ich weitere Türen, die mir in der Vergangenheit Rückfälle ermöglicht haben. Auch diese würden mich im Extremfall nicht abhalten, aber es ist mir wichtig, dass ich sie schliesse um meine Bereitschaften gegenüber mir selber zu symbolisieren. Sportwetten sollen von nun an nur noch in meinem Rückspiegel zu sehen sein.

Greif nach den Sternen

Dritter Tag Abstinenz. Jedes aufkommende Gefühl von Druck zu spielen, fluche ich weg. Ich bin streng mit mir. Gleichzeitig beobachte ich die Gefühle und staune, wie sie aus dem Nichts entstehen können und sofort kaum beherrschbar wirken. Es benötigt schon sehr viel Konzentration.

Bisheriger Höhepunkt: Durchblättern einer Zeitung mit kurzem Bericht über die Champions League. Darüber hatte ich in Foren schon viel gelesen. Manchester City spielt gegen Real Madrid… und schon bin ich auf 180. Was hilft mir nicht schwach zu werden? Einerseits der letzte, hohe Verlust. Anderseits will ich mich nach 30 Tagen für die Abstinenz belohnen. Sich zu vergegenwärtigen, dass es auch nach diesem potentiellen ersten Gewinn weitergehen würde bis zum erneuten Verlust und die langfristigen Schäden, die ich an meinem Konto, meinem Körper und vor allem meinem Selbstwert anrichte.

Surebet

Eine Surebet ist eine Kombination aus verschiedenen Wetten auf dasselbe Ereignis und sie ist so konstruiert, dass man immer gewinnt, egal wie das Ereignis ausgeht. Das ist nur dann möglich, wenn die Buchmacher ein Spiel verschieden quotieren.

Die wahre Surebet ist aber diejenige, dass man mit Sportwetten Geld verliert. Ganz viel Geld, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat

Kontrollos, so habe ich mich in den letzten Wochen gefühlt. Es ist wie eine Trance, wie ein Rausch, der nie endet. Jeden Tag steht man wieder auf und widmet seine ersten Gedanken dem Spiel. Man lässt den gestrigen Spieltag Revue passieren, verfolgt Foren, sucht die „Surebet“. Wenn es „gut“ läuft, wird so aus anfänglich CHF 50 über die Tage und Wochen auch mal CHF 1’000. Ab einer Betragshöhe an Gewinn erinnert man sich an vergangene Situationen, die ähnlich waren und bei dem man das Geld nie „in Sicherheit“ gebracht hat und manchmal in wenigen Tagen alles wieder weg war. Aber man reagiert nicht. Man ist gierig und fühlt sich (und jetzt muss ich ein bisschen lachen) in Sicherheit.

Auch dieses Mal war es so. Auch dieses Mal ging mehr auf als schief ging und wenn mal eine daneben lag, setzte ich einfach mehr und es ging wieder weiter. Irgendwann aber reisst diese Glückssträhne und man landet wieder bei Null.

Das Hirn ist aber alles andere als satt. Es schüttet Adrenalin aus, es peitscht einem vorwärts. MEHR, ICH WILL MEHR! HÖR JETZT BLOSS NICHT AUF!

So spielt man weiter. Überlegt sich wie man an Geld kommt, obwohl man in abstinenten Phasen alles Erdenkliche vorkgekehrt hat um genau in solchen Situationen kein Zugang dazu zu haben. Man findet einen Weg. IMMER!

Gestern Abend dann die „alles oder nichts“-Wette, die bei der man einen sehr hohen Betrag auf ein Ereignis setzt und entweder es geht auf und man ist im wahrsten Sinne des Wortes wieder im Spiel oder es geht schief und man hat so viel verloren, dass man auf den Boden klatscht. Man wird so hart getroffen, dass man aus der Trance erwacht und die Gefühle sind irgendwie unbeschreiblich. Scham? Ein bisschen. Wut? Jede Menge. Trauer? Keinen Zugang und selbst wenn, was soll denn genau traurig sein? Der Geldverlust? Nö.

Es kommt einem vor, als wäre man von der Sucht verschlungen worden. Sie hat wochenlang auf Dir herumgekaut und jetzt hat sie Dich wieder ausgespuckt. So liegst Du da, weisst nicht wirklich wie Dir geschehen ist und fragst Dich: War das jetzt endlich das letzte Mal?

Finanzverwaltung für einen Spieler

Bist Du von einem Spieler um Hilfe bei der Kontrolle seiner Finanzangelegenheiten angefragt worden? Herzlichen Glückwunsch! Er scheint Dir zu vertrauen und das ist ein seltenes Geschenk. Trotzdem solltest Du Dir überlegen ob Du dieses annehmen willst. Du hast Dir da nämlich eine sehr herausfordernde Aufgabe angelacht. Wenn Du ihm nämlich wirklich helfen willst, musst Du streng sein und machst Dich unbeliebt. Vermutlich hat er nämlich das Gefühl, dass er Dir sowieso immer einen Schritt voraus ist sonst hätte er vielleicht nicht gerade Dich gefragt.

Mach Dich auf etwas gefasst. Er ist vermutlich ein geübter Lügner oder nett formuliert ein Tatsachenverdreher. Er lässt unliebsame Mitteilungen einfach weg und feiert dafür seine kleinen Erfolge unverhältnismässig ab. Sobald er nichts mehr von seiner Sucht berichtet, solltest Du mißtrauisch werden. Der nächste Rückfall ist vermutlich bereits in Vorbereitung oder schon geschehen.

Solltest Du die Verantwortung annehmen wollen, habe ich Euch ein paar Tipps.

  1. Besprecht wie viel Taschengeld er pro Woche benötigt und händige ihm diese am besten in Kleinbeträgen persönlich aus. Alternativ ist eine monatliche Überweisung auf sein Konto eine gute Lösung, aber nur wenn der allfällig überschüssige Betrag wieder zurücküberwiesen wird.
  2. Besprecht ehrlich bei welchem Betrag es ihn wieder in den Händen jucken würde. Viele Spieler haben das Verhältnis zu Geld absolut verloren und fänden mit CHF 20 zu spielen lächerlich. Umso besser! Dann besteht keine Gefahr eines Rückfalls und man kommt trotzdem durch den Tag.
  3. Sollte sein Lohnkonto nicht sowieso schon verpfändet sein, wäre es sinnvoll wenn seine Lohnzahlung auf ein Konto erfolgt, auf welches er absolut keinen Zugriff hat. Dazu eignet sich zum Beispiel ein Partnerkonto mit Kollektivunterschrift, so dass man am Schalter nur zu Zweit Geld beziehen kann. Eine Debitkarte sollte es keine geben. Dieses Konto dient nur als Empfangskonto. Von diesem Konto werden von der beauftragten Person die Zahlungen getätigt und der Dauerauftrag für das Taschengeld ausgerichtet.
  4. Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle. Obwohl er sich vermutlich bevormundet fühlen wird, wird er es Dir irgendwann danken wenn Du Dich einmischst und Dir alles Verdächtige zeigen lässt.
  5. Ändere Deine Passwörter vom E-Banking und notiere sie bloss nicht. Wenn er die Chance hat sich Zugriff zu verschaffen, wird er es irgendwann versuchen. Stell Dir einfach immer einen Junkie vor, der für seinen Stoff in Dein Haus einbrechen müsste. Ja, man glaubt es kaum aber er würde es tun. Dieser Vergleich ist vielleicht krass aber eine Glücksspielsucht in ihrer vollen Blüte fühlt sich genau so an und obwohl ihn Eure Beziehung daran hindern sollte, wird er zu diesen Emotionen unter Suchtdruck keinen Zugriff haben. Nimm es bitte nicht persönlich! Mit Dir hat es nichts zu tun. Er ist einfach krank.
  6. Geht zusammen und Du für Dich alleine die Möglichkeiten durch, wie er doch noch zu Geld kommen könnte und schliesst diese Türen. Er wird irgendewann in einem schwachen Moment alle Optionen durchgehen und alles was möglich ist, ausprobieren. Im ersten Moment wird er sich nerven wenn sein lang ausgeheckter Plan zur Geldbeschaffung misslingt, aber kurz danach wird er erleichtert sein nicht rückfällig geworden zu sein.
  7. Kombination mit Software gewünscht? Für Onlinesüchtige kann ich die erschwingliche Gamban Software sehr empfehlen. Da man diese mit ein wenig Übung und IT-Kenntnisse auch umgehen kann, habe ich sie mit einer App namens AppBlock ergänzt. Die Passwörter sollten von der helfenden Person gesetzt und in ihrem Hirn (und nur dort) gespeichert werden.
  8. Stichproben: Nichts hasst man in der Schule so wie Blitzprüfungen. Weshalb? Weil sich dann die Streu vom Weizen trennt und die die nicht gelernt haben, fliegen gnadenlos auf. Frag ihn anhand welchen Punkten man merken würde dass er wieder spielt und kontrolliere es unangesagt. Im besten Fall wird diese jederzeit mögliche Kontrolle präventiv wirken.
  9. Stell Dir vor, es sei Dein Geld. Beschütze es als wäre es Deins. Dann nimmst Du diese verantwortungsvolle Rolle richtig wahr.
  10. Geht diese Liste Punkt für Punkt durch und führt am besten alles ein. Normalerweise plädiert ein Spieler dafür nur wenige Massnahmen zu ergreifen und argumentiert mit seiner persönlichen Freiheit, die er nicht zu stark einschränken möchte. Paperlapapp! Wenn kein gewichtiges Argument dagegen spricht, wird es umgesetzt! Alle Punkte sind sinnvoll und bauen zusätzliche Hindernisse um einen erneuten Rückfall ein und sollten deshalb höchst willkommen sein, ausser man meint es eben doch nicht so ernst mit der Abstinenz 😉
  11. Sei ehrlich zu Dir und zur Person, der Du hilfst. Wenn es Dir zu viel wird, sag es frühzeitig. Es wird sich ein anderer Weg finden lassen. Es ist wirklich kein Zuckerschleck und gewisse Typen eignen sich dafür einfach nicht. Wenn Du Dir aber einen Sport daraus machen kannst, dem gewieften Spieler immer einen Gedankenschritt voraus zu sein, kann es auch Spass machen.

Ich könnte…

mir selber ins Gesicht kotzen.

Ich weiss nicht, was aktuell mit mir los ist. Anstatt dass es mir leichter fällt nicht zu wetten, wird es immer schwieriger. Der Druck ist viel zu stark. Selbst Kleingeld ist eine Verlockung und mein Selbstwert sinkt auf einen nächsten Tiefstand.

Am liebsten würde ich mich in einen Raum einschliessen mit ein paar Büchern, genug zu essen und dann einen über Wochen dauernden Entzug machen. Das würde mir helfen mein Nervenkostüm wieder zu beruhigen. Im Moment glühen die Synapsen. Das beginnt schon morgens wenn ich erwache. Egal ob ich abstinent bin oder nicht. Ich erwache mit den Gedanken an Quoten, an Sportresultaten und ich fühle diesen Druck, diesen kaum auszuhaltenden Druck.

Der einzige Ausweg daraus ist immer wieder der erneute Rückfall. Sofort löst sich dieses unangenehme Gefühl in Luft aus und es fühlt sich gut an. Das dauert genau so lange bis ich realisiere was ich gerade gemacht habe und dass es jetzt wieder von Vorne anfängt. Noch schlimmer wird es wenn ich realisiere, dass ich erneut Geld verliere. Ich bin rat- und hoffnungslos.

Die Lizenz zum Selbsthass

Heute ist der Tag Null, also der Tag an dem der Glücksspielsüchtige beschliesst nie mehr zu wetten aber noch nicht mit Zählen beginnen kann, weil sein letzter Rückfall nur wenige Minuten oder Stunden zurückliegt.

Man könnte meinen, dass diesem Ritual, immer wieder mit Zählen zu beginnen, keinen Sinn zufällt aber bei mir ist es nur schon wieder ein Prozess gewesen die Abstinenz zu beschliessen. Man braucht dafür ein Funken Hoffnung, den Beschluss nur noch nach vorne schauen zu wollen und nicht mehr (auf die Verluste) zurück und jede Menge Willen.

Leider will ich diesen Beschluss mit niemandem aus meiner Therapeutin teilen. Es weiss auch sonst niemand wie es mir geht. Ich lecke meine Wunden und weiss dass mir wieder harte (Entzugs-)Tage bevorstehen. Den Vorsatz, das neue Jahr damit nicht zu belasten ist mir nicht geglückt. Das neue Ziel vor 40 damit abzuschliessen, liegt mir zu weit weg. So habe ich ein neues Ziel gesucht und mit der heutigen Anmeldung zum Master des Psychologiestudiums gefunden. Daran soll ich mich im Nachhinein immer wieder erinnern. In meinem Tagebuch soll ich meinen allerletzten verfluchten Wettschein sehen können und das werde ich, so Gott und vor allem ich wirklich will.

Ja, ich habe Hoffnung. Ich bin so weit unten wie ich sein muss um diese Selbstzestörung zu spüren und sie zu hassen. Mindestens so sehr wie ich mich jeweils hasse, wenn ich wieder schwach wurde. Mit im Gepäck habe ich ein Buch das mir Selbstmitgefühl beibringen will. Darin vermuten wir die Wurzel der gesamten Sucht. Eigentlich simpel: ein abgrundtiefer Selbsthass, der immer wieder neue Nahrung sucht und in den Rückfällen findet. Da die Verlustmöglichkeit ja deutlich über 50% liegt, dauert es jeweils nicht lange. Auch kann man sich sicher sein, dass es irgendwann zum Totalverlust kommt, wenn man wie ich immer wieder alles setzt und nie aufhört. Eine Lizenz zum Selbsthass sozusagen.