Quo vadis?

Weiter geht es mit der Weiterführung einer Serie von schlimmen Rückfällen. Gestern habe ich den nächsten Mittelfinger der Moira kassiert.

Wer die Moira nicht kennt, dem sei erklärt, dass sie den Schicksalsfaden spinnt. Glücksspielsüchtige erliegen dem Glauben sie können das Glück erzwingen. Selbstverständlich haben wir aber keinen Einfluss auf unser Schicksal. Mir kommt es manchmal so vor, als würde ich etwas krampfhaft erzwingen wollen, was einfach nicht sein soll.

Obwohl ich weiss und schon immer wusste, dass mein Weg ein anderer ist, weigere ich mich noch immer ihn zu gehen. Erklären weshalb, kann ich nicht. Ich habe trotz aller Therapie noch immer nicht verstanden, was das soll. Stelle ich mir einfach die falschen Fragen?

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle: Wo stehe ich? Stehe ich immer noch am Anfang meiner Sucht (kaum zu glauben bei einer fast 20-jährigen Karriere), stehe ich irgendwo in der Mitte oder kurz vor Ende? Ich weiss, dass ich immer Ex-Spieler sein werde und dieses Thema mich fortan begleiten wird. Das finde ich nicht einmal schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass mir diese Erfahrungen irgendwann sogar einen Nutzen bringen werden. Das ich es aber aktuell nicht schaffe einige Wochen abstinent zu sein, ist niederschmetternd.

Einige Massnahmen diese Woche lassen einen Funken Hoffnung zu. Aufgrund einer Dokumentation über die NA, die Narcotic Anonymous, welche mit den Anonymen Alkoholikern vergleichbar sind, habe ich gesehen, dass die Aufschieberei von schützenden Massnahmen ein Problem darstellen. Ein Betroffener hat erklärt, dass er früher immer vom „ich werde dann“ gesprochen habe und es jetzt einfach immer sofort gleich umsetzt. Das leuchtete mir ein und trifft auch auf mich zu. Ich habe sofort meine Vollmacht auf dem Geschäftskonto gelöscht, mein Restguthaben auf der Prepaid-Karte wegüberwiesen und treffe mich Morgen mit einer Mitarbeiterin der lokalen Sozialhilfe, damit mir eine „freiwillige Einkommensverwaltung“ eingerichtet werden kann.

Es wäre wieder passiert

Langeweile während einer obligatorischen externen Veranstaltung. Recherche auf dem Smartphone nach laufenden Sportveranstaltungen. Dabei auf ein Tennisspiel gestossen, bei dem der Aussenseiter Chancen haben könnte und schon beginnt der Rausch in meinem Gehirn. Gut, greifen die Massnahmen nicht zu Geld zu kommen. So kann sich mein Puls wieder normalisieren und die Vernunft kann wieder einsetzen. Da bin ich nochmals davongekommen.

Nachtrag (später während des Spiels): Ich verfolge das Spiel, als hätte ich darauf gesetzt. Dieses Mal würde ich mir wünschen, ich wäre einmal mehr komplett daneben gelegen. Aber siehe da. Dieses eine Mal hätte ich grosses Glück gehabt. Wobei? Kann man bei einem erneuten Rückfall von Glück sprechen? Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall ärgere ich mich massiv. Es ist der maximale Mittelfinger des Schicksals. Fast noch schlimmer als hätte ich das Geld verloren. Fazit: ich bin sehr, sehr krank

Was könnte mir helfen?

Hätte ich Publikum würde ich Euch fragen, ob Ihre einen Schimmer habt, was mir in der jetzigen Situation helfen könnte. Vielleicht kämen da einige Vorschläge. Eigentlich sollte ich selber ja am besten Wissen. Ich spüre eine Lücke, aber meine Sucht überlappt diese. Sie füllt sie nicht aus, aber sie gaukelt mir vor, die Lösung zu sein. Je weiter ich sie wegstosse, je lauter wird sie. Sie ist nicht die Lösung und auch nicht das eigentliche Problem. Sie ist ein Symptom, dass mich auf einen Mangel hinweisen möchte. Ursprünglich als es noch ein Hobby war, hat sie mich tatsächlich unterhalten und mir etwas gegeben. Da war es aber auch noch keine Sucht und ich hätte vielleicht tatsächlich einfach wieder damit aufgehört, wenn ich mich um den wirklichen Mangel gekümmert hätte.

Es ist kompliziert. Man spürt, es stimmt etwas nicht. Man sieht die Folgen und spürt die massiven Auswirkungen davon, aber auch nach Jahren weiss man nicht was einem fehlt.

Kämpfen

In den letzten zwei Wochen war ich im Urlaub, aber trotz grosser Hoffnung und Vorfreude hat mich meine Sucht nach Italien begleitet. Plötzlich konfrontiert mit sehr viel Freizeit, war ich erst einmal überfordert. Etwa am dritten Tag wusste ich gar nicht mehr wo mir der Kopf steht. Ich habe gespürt: So kann es nicht weitergehen. Es muss sich etwas ändern. Noch immer drehen sich die Gedanken viel zu sehr um Sport und mögliche Wetteinsätze. Wie erholsam doch Corona war. Kein Sport = keine Wetten. Jetzt ist wieder alles voll mit Neuigkeiten zum US Open und ständig lockt das Spiel. Es fühlt sich wie ein Kampf an und ich muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass ich nicht gegen etwas im Aussen kämpfe, sondern gegen die eigenen Dämonen.

Tag 4: Ablenkung, ganz viel Ablenkung

Gestern habe ich mich mehr oder weniger gezielt in den Sport gestürzt. Wenig Zeit zu Hause oder am Handy ist im Moment sicher hilfreich. Verständlich, dass ich mich heute ziemlich müde fühle.

Ich bin froh ist heute Montag und ich kann Arbeiten. Immer in der Hoffnung, dass die Sogwirkung nachlässt und der Sack Flöhe in meinem Kopf ein wenig zur Ruhe kommt indem ich möglichst viel Zeit seit der letzten Wette überbrücke.

Tag 1: Die Schotten sind dicht

Nach einer relativ langen Phase mit exzessiven Glücksspiel habe ich heute nochmals mit meiner Partnerin Massnahmen getroffen, die mir die Abstinenz erleichtern sollte.

Ich habe mit meiner Partnerin den Artikel „Finanzverwaltung für einen Glücksspieler“ meines Blogs durchgelesen und dieses Mal auch befolgt. Obwohl ich diesen schon im März dieses Jahres geschrieben hatte, habe ich ihn selber nie ganz befolgt. Es funktioniert nämlich nur wenn auch die letzte Möglichkeit Geld zu beschaffen unterbunden ist.

Die letzten Rückfälle habe ich mir immer über einen „Lohnvorschuss“ finanziert. Das greift zwar das Ersparte nicht an, ist aber jetzt auch so hoch ausgefallen, dass es gefährlich wird. Dieses Mal ist das nicht Akzeptieren können und wollen von erlittenen Verlusten besonders schlimm gewesen. Ich schätze, dass liegt daran weil ich die letzten paar Mal tatsächlich mit mehr Risiko und höheren Beträgen den Verlust jeweils wieder wettmachen konnte. Aber dass konnte langfristig nicht gut gehen.

Ich bin froh, haben wir jetzt alles umgesetzt. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann wie ich das aushalten soll.

Eine Woche

Die Zahl Sieben prangt heute an unserem Metallpfosten und zeigt mir, dass ich bereits wieder eine Woche abstinent bin. Es war ein gute Woche. Eine Woche in der ich mir nur selten schwach gefühlt habe. Eine Woche in der ich nichts recherchiert habe und bewusst alles von mir weggehalten habe, was mich reizen könnte.

Um einen Schritt weiterzugehen, schnallen wir den finanziellen Gürtel noch etwas enger. Ich möchte die Lösung eines Kontos, auf welches jeden Tag CHF 20 eintreffen um dann Ende Woche den Überschuss wieder zurückzuüberweisen, testen. Ich möchte mich zukünftig nur noch über das Handy meiner Partnerin in den E-Bankingzugang meines Arbeitgebers einloggen können, damit wir einmal im Monat die Zahlungen, welche von dort aus gemacht werden müssen, zusammen besprechen. So schliesse ich weitere Türen, die mir in der Vergangenheit Rückfälle ermöglicht haben. Auch diese würden mich im Extremfall nicht abhalten, aber es ist mir wichtig, dass ich sie schliesse um meine Bereitschaft mir selber gehenüber zu symbolisieren. Sportwetten sollen von nun an nur noch in meinem Rückspiegel zu sehen sein.

Greif nach den Sternen

Dritter Tag Abstinenz. Jedes aufkommende Gefühl von Druck zu spielen, fluche ich weg. Ich bin streng mit mir. Gleichzeitig beobachte ich die Gefühle und staune, wie sie aus dem Nichts entstehen können und sofort kaum beherrschbar wirken. Es benötigt schon sehr viel Konzentration.

Bisheriger Höhepunkt: Durchblättern einer Zeitung mit kurzem Bericht über die Champions League. Darüber hatte ich in Foren schon viel gelesen. Manchester City spielt gegen Real Madrid… und schon bin ich auf 180. Was hilft mir nicht schwach zu werden? Einerseits der letzte, hohe Verlust. Anderseits will ich mich nach 30 Tagen für die Abstinenz belohnen. Sich zu vergegenwärtigen, dass es auch nach diesem potentiellen ersten Gewinn weitergehen würde bis zum erneuten Verlust und die langfristigen Schäden, die ich an meinem Konto, meinem Körper und vor allem meinem Selbstwert anrichte.

Surebet

Eine Surebet ist eine Kombination aus verschiedenen Wetten auf dasselbe Ereignis und sie ist so konstruiert, dass man immer gewinnt, egal wie das Ereignis ausgeht. Das ist nur dann möglich, wenn die Buchmacher ein Spiel verschieden quotieren.

Die wahre Surebet ist aber diejenige, dass man mit Sportwetten Geld verliert. Ganz viel Geld, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat.

Kontrollos, so habe ich mich in den letzten Wochen gefühlt. Es ist wie eine Trance, wie ein Rausch, der nie endet. Jeden Tag steht man wieder auf und widmet seine ersten Gedanken dem Spiel. Man lässt den gestrigen Spieltag Revue passieren, verfolgt Foren, sucht die „Surebet“. Wenn es „gut“ läuft, wird so aus anfänglich CHF 50 über die Tage und Wochen auch mal CHF 1’000. Ab einer Betragshöhe an Gewinn erinnert man sich an vergangene Situationen, die ähnlich waren und bei dem man das Geld nie „in Sicherheit“ gebracht hat und manchmal in wenigen Tagen alles wieder weg war. Aber man reagiert nicht. Man ist gierig und fühlt sich (und jetzt muss ich ein bisschen lachen) in Sicherheit.

Auch dieses Mal war es so. Auch dieses Mal ging mehr auf als schief ging und wenn mal eine daneben lag, setzte ich einfach mehr und es ging wieder weiter. Irgendwann aber reisst diese Glückssträhne und man landet wieder bei Null.

Das Hirn ist aber alles andere als satt. Es schüttet Adrenalin aus, es peitscht einem vorwärts. MEHR, ICH WILL MEHR! HÖR JETZT BLOSS NICHT AUF!

So spielt man weiter. Überlegt sich wie man an Geld kommt, obwohl man in abstinenten Phasen alles Erdenkliche vorkgekehrt hat um genau in solchen Situationen kein Zugang dazu zu haben. Man findet einen Weg. IMMER!

Gestern Abend dann die „alles oder nichts“-Wette, die bei der man einen sehr hohen Betrag auf ein Ereignis setzt und entweder es geht auf und man ist im wahrsten Sinne des Wortes wieder im Spiel oder es geht schief und man hat so viel verloren, dass man auf den Boden klatscht. Man wird so hart getroffen, dass man aus der Trance erwacht und die Gefühle sind irgendwie unbeschreiblich. Scham? Ein bisschen. Wut? Jede Menge. Trauer? Keinen Zugang und selbst wenn, was soll denn genau traurig sein? Der Geldverlust? Nö.

Es kommt einem vor, als wäre man von der Sucht verschlungen worden. Sie hat wochenlang auf Dir herumgekaut und jetzt hat sie Dich wieder ausgespuckt. So liegst Du da, weisst nicht wirklich wie Dir geschehen ist und fragst Dich: War das jetzt endlich das letzte Mal?